Gedichte Sie
treten ein, selten und leise. Oder sie fallen schon mal ins Haus mit
der Tür. Ja, sie heben sich mühsam und ängstlich, begleitet von Doktor
Parkinson, über die Schwelle, klopfen eher zaghaft, doch dann gehen
sie, nach kurzem Warten, weiß der Teufel wohin, verweisen mit tief
beringten Augen auf eigene frühkindliche Traumata oder die ihrer
krüppligen Verwandten. – Nie aber halten sie sich auf an den Themen des
Tages oder am Nachtprogramm. Wenn alles tönt, machen sie Pause; in die
Stille setzen sie nicht mal einen Punkt; nur ins dunkle Schweigen
hinaus kippen sie das eine oder andere Fenster.
Treideln
So gehen wir zwei dicht am Ufer des Flusses stromauf, und ein Schiff voll Gedanken folgt uns im Schlepp, wie eines Kusses Schatten, darin wir versanken.
Tauwetter (Hölderlin zum Trotz)
Lass uns tauen, lass uns schmelzen, wärmen unsre kalten Stirnen, nackte Haut befrein aus Pelzen, aus den Knöpfen, aus den Zwirnen.
Lass uns tränen, lass uns weinen: blankes Nass besteigt das Lid. Spüren beide wir den feinen, wesentlichen Unterschied?
Lass uns tropfen, lass uns triefen, wenn du meine Lippen netzt: könnte sein, wir zwei verliefen ineinander, hier und jetzt.
Lass uns triefen, lass uns tropfen, wenn du fällst, fall ich dir zu, und fortan trennt uns kein Stopfen: du bist ich, und ich bin du.
Lass uns weinen, lass uns tränen, sieh: ein ganz bescheidner Teich wird durchquert von eitlen Schwänen: Bild und Spiegelbild zugleich.
Lass mich schmelzen, lass mich tauen, lass uns zueinander neigen, lass uns in den ungenauen Worten endlich endlos schweigen.
Am Brückengeländer Wir drehn uns im Kreis, sag ich. Du hebst mit den Schultern den Blick deiner Brüste. So seh ich den Fluss, bis die Brücke losfährt (mit dir und dem Rest dieser Welt), und ich seh, was sich im stillen Wasser wirklich bewegt: die Strudel.
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Kurven unter Spitzen
Gefährlich rund sind alle Kurven unter Spitzen (verbunden und getrennt durch manches Band). Dein kleiner Finger mimt die ganze Hand, wenn unser beider Zungen umeinander flitzen. Hak deine Wäsche auf und wirf sie in die Kissen. Dein zartes Fleisch sehnt sich danach, befreit zu werden. Während längst der Habicht schreit, kann ich an meinem Mast die weiße Fahne hissen. Ich gebe auf, ergebe mich den Labyrinthen, in die dein Spiel mich immer wieder setzt. Der Weg sei uns das Ziel? – Ja. – Da? – Ja. – Jetzt hab ich den Einstieg endlich (wieder mal von hinten). Leg auch die Ringe ab, denn ich will deine Blöße nicht enden sehen. Ich will ohne Grund in deinem Licht erblinden. Nur mein Mund erwidert stumm das schräge Lächeln deiner Möse. Wenn du die Schenkel öffnest, wie ein Schwan die Flügel, gereckten Halses startest, vorwärts strebst zum Horizont, wenn du dann endlich schwebst, träumst du: ein langes weißes Kleid winkt dir vom Bügel.
Einstein für zwei Der Kosmos schlägt Falten, wenn wir uns berühren. Wo du bist, dort krümmt sich mein Raum. Die Zeit übt den Stillstand. Ganz ohne Allüren verlässt selbst dein Kleid seinen Saum. Streif ab die Manschetten. Wir zwei gehn in Fransen. Nur eins bitt ich: Lass dich nicht gehn. Ich seh sie dir nach, die geschönten Bilanzen, Papiere, die leewärts verwehn. Ja, das ist wohl Schnee aus den kommenden Jahren (geräumt noch bevor er je fiel): und wo wir auch liegen, nur um uns zu paaren, es schrammt schon der Grund unsern Kiel.
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